DEUTSCH
Harfe
Flöte/Harfe
Dirigent

Gemeinsam mit Prof. Henner Eppel (Flöte) wurde eine CD Flöte/Harfe mit dem Titel Elfenreigen produziert. Dieser Tonträger mit einer Gesamtlänge von knapp 80 Min. ist 2005 beim englischen Label GUILDMUSIC erschienen.

 



                                                                      

Schon im alten Ägypten gehörten Flöte und Harfe zum festen Instrumentarium sowohl bei Festen als auch religiösen Handlungen, ihr ganz besonderer Klangreiz wurde nicht erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts von den französischen Impressionisten entdeckt! Im Mittelalter finden sich zahlreiche Bildzeugnisse, die nicht nur die Existenz sondern auch die Beliebtheit beider Instrumente dokumentieren: himmlische Engelsmusik verlangt geradezu nach ihnen. In der Musik des ausgehenden 18. Jahrhunderts wurde der gesanglichen Flöte, dem Modeinstrument empfindsamer Bürger und Adliger, die Harfe zur Seite gestellt. Weder Hammerflügel noch Cembalo konnten diesen spezifischen Klangreiz erzeugen, außerdem darf die dekorative Wirkung einer herrlich verzierten Harfe nicht unterschätzt werden! Im bürgerlichen Salon (neben Opernhaus, Konzertsaal und Kirche der wichtigste Ort musikalischer Darbietungen) waren nicht nur die berühmtesten Pianisten ihrer Zeit, z.B. Chopin oder Liszt zu Gast, sondern immer wieder auch Harfenisten, z.B. Elias Parish-Alvars (1808-1849) oder Félix Godefroid (1818-1897).

Mit der technischen Vervollkommnung beider Instrumente entstanden neue Spielmöglichkeiten. Hier sei auf die Mehrklappenflöte sowie die beiden Modelle Theobald Boehms von 1832 und 1847 hingewiesen – Letzteres hat bis heute nur geringe Modifikationen erfahren, und vor allem auf die Doppelpedalharfe von Sébastien Erard, welche 1810 nach jahrelanger Arbeit das Patent mit der Nummer 3332 trug und den heute gebräuchlichen Konzertharfen vom Prinzip her immer noch als Vorbild dient.

Schaut man in Kammermusikführer, die meist das „große“ Repertoire auflisten, so wird man erstaunt sein, wie selten die Harfe dort vertreten ist. Das hat sehr unterschiedliche Gründe – neben rein klangästhetischen ist sicher einer der wichtigsten, dass sich viele Komponisten nicht mit den Spielmöglichkeiten der Harfe auskannten. Es gibt kaum ein anderes Instrument, das man so genau kennen muss, um nichts Unmögliches zu verlangen und so waren es in erster Linie Harfenisten, die für ihren eigenen Konzertgebrauch komponierten. Namen wie Krumpholtz, Bochsa und Tournier stehen dafür – sie gehörten zu den großen Virtuosen ihrer Zeit.

Die vorliegende Zusammenstellung spannt einen weiten Bogen vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert. Die „Soli“ des 18. Jahrhunderts sind mit einer bezifferten Bass-Stimme überliefert; dieser sogenannte Generalbass wurde nach einer Art musikalischer Kurzschrift vom Tasteninstrumentenspieler in der rechten Hand frei ausgestaltet, während die linke Hand die notierte Bass-Stimme spielte – häufig von einem anderen tiefen Instrument (Viola da Gamba, Violoncello oder Fagott) unterstützt. Einer der Mitspieler sollte also über die Möglichkeit akkordischen Spiels verfügen: Spinett, Cembalo, Orgel, Laute, Gitarre und Klavier waren die Favoriten, aber natürlich konnte man, wenn ein entsprechend versierter Harfenist zur Verfügung stand, auch diesen um die notwendigen Begleitakkorde bitten.

 

Die „Hamburger Sonate“ G-Dur, Wq. 133, wurde von dem berühmtesten der Bach-Söhne, Carl Philipp Emanuel BACH (1714–1788) 1786 komponiert, alle anderen Sonaten für Flöte und obligates Cembalo und die mit Generalbassbegleitung entstanden zwischen 1735 und 1766. Nach 27 Jahren im Dienste des flötespielenden Preußenkönigs Friedrichs des Großen in Rheinsberg, Berlin und Potsdam wechselte C. Ph. E. Bach als Nachfolger seines Paten Telemann 1768 nach Hamburg. Die hier eingespielte Generalbass-Sonate hat mit den übrigen Sonaten ihres Schöpfers kaum etwas gemein, der Bass verzichtet fast gänzlich auf virtuoses Gebaren und imitatorische Figuren, er dient in erster Linie der harmonischen Grundierung einer melodisch virtuosen Flötenstimme. Das Werk entstand auf Anregung des blinden Flötisten Friedrich Ludwig Dulon (1769-1826), im letzten Satz finden sich Einflüsse der Klassiker wie z.B. Haydn.

Johann Baptist KRUMPHOLTZ (1747–1790), auch Jean-Baptiste, Jan Křtitel, getauft Jan Martin, oft mit den falschen Geburtsjahren 1742 oder 1745 angegeben, Komponist und Harfenist böhmischer Herkunft, ging nach einem kurzen Aufenthalt in Wien (um sein Hornspiel zu verbessern) 1760/61 mit seinem Vater nach Paris und studierte dort Horn und Harfe. Er kehrte 1767 nach Prag zurück und nahm Kontrapunktunterricht in Wien bei Haydn und Wagenseil während er von 1773 bis 1776 Mitglied der Kapelle der Esterházys war. Konzertreisen nach Deutschland und Frankreich führten ihn wieder nach Paris, wo er sich als ein sehr angesehener Harfenvirtuose, Komponist, Musiklehrer und Instrumentenbauer niederließ. Wichtige technische Neuerungen an der Harfe gingen auf seine Initiative zurück. Er heiratete 1783 seine Schülerin Anne-Marie Steckler (1766–1813), die ihn 1788 verließ um mit dem Pianisten J. L. Dussek nach London zu ziehen. Aus Liebeskummer und Angst vor der Revolution nahm sich Krumpholtz das Leben indem er sich in die Seine stürzte. Die Kompositionen dieses außergewöhnlichen Spielers zeichnen sich durch klassische Formgebung, edle Virtuosität und gefühlvolles Cantabile aus. Die Sonate F-Dur op. 8 Nr. 5 entstand um 1780.

Louis SPOHR (1784–1859) gehörte zu den verehrtesten Musikern seiner Zeit, gleichermaßen berühmt als Komponist, Dirigent, Geiger und Organisator großer Musikfeste. Mit Paganini wurde er verglichen, sein Auftreten war jedoch nicht so spektakulär, sondern jederzeit durch außerordentliche Seriosität und Bescheidenheit geprägt. »Ebenso waren auch die Orden, mit denen er überhäuft wurde, ihm sehr lästig, weil er sie doch bei feierlichen Gelegenheiten Ehren halber tragen mußte. So kam es einst, daß er auf dem Wege nach dem Theater, wo er zur Feier des kurfürstlichen Geburtstages die Festoper zu dirigiren hatte, bei einer Wärme von etwa zwanzig Graden in einen Wintermantel eingehüllt, getroffen wurde. Ein Begegnender fragt ihn theilnehmend, 'ob er denn krank sei?' 'O, nein' entgegnet er, seinen Mantel zurückschlagend und die Brust voll Orden zeigend, 'ich schäme mich nur, so über die Straße zu gehen.'« (Georg Wigand, 1860) Sein durch die Frühromantik beeinflusster Kompositionsstil vermeidet alles Triviale – Sensibilität, Virtuosität und klassische Formgebung vereinen sich auf sehr persönliche Art. Die Auftritte mit Dorette Scheidler (1787–1834), einer ausgezeichneten Harfenistin die er 1806 heiratete, müssen Aufsehen erregend aufgrund ihres vollkommenen Zusammenspiels gewesen sein und regten ihn zu diversen Kompositionen für Harfe und Violine an, die – wie üblich zu dieser Zeit – auch für andere Instrumente bearbeitet und herausgegeben wurden. Im Jahr vor seiner Hochzeit entstand die hier zu hörende Sonate c-Moll, ein Werk ohne Opuszahl, das ursprünglich auch für Harfe und Violine gedacht war, aber ohne nennenswerte Eingriffe auf der Flöte spielbar ist. Zweisätzig in der Anlage wird auch in diesem Werk Spohrs früher Stil auf das Schönste repräsentiert.

Ein weiterer großer Harfenist der französischen Hauptstadt war Robert Nicolas Charles BOCHSA (1789–1856), Sohn eines tschechischen Oboisten, der sich in Paris als Musikalienhändler niedergelassen hatte. Als Schüler von Méhul (Komposition) und Naderman (Harfe) am Conservatoire hatte er in jungen Jahren erste große Erfolge und wurde (indem er gute Beziehungen geschickt nutzte) bereits 1813 zum Harfenisten der kaiserlichen Kapelle ernannt. Sein Lebensstil muss aber so aufwendig gewesen sein, dass er nur durch kleine „Nebenbeschäftigungen“ finanzierbar war: 1817 floh er nach England, da man entdeckt hatte, dass er sich das Fälschen von Dokumenten gut bezahlen ließ und betrügerisch spekulierte! In London schien man ihm seine Verfehlungen nicht übel zu nehmen, 1822 wurde er Harfenprofessor an der Royal Academy of Music, aber auch hier ließ er nicht von seinem unsoliden Lebenswandel, denn bereits nach fünf Jahren musste er diese Stelle aufgeben. Zeitweilig war er als Dirigent am King’s Theatre tätig, doch 1839 verließ er mit der Frau des Dirigenten und Komponisten Henry Rowley Bishop (1786-1855) England und führte von da an ein unstetes Wanderleben, das ihn über Amerika bis nach Australien führte wo er in Sydney starb. Bochsas Harfenschule und seine zahlreichen Kompositionen (er schrieb mehrere Opern und Ballette) waren im 19. Jahrhundert sehr beliebt. Das hier eingespielte Nocturne Concertant g-Moll op. 71 Nr. 3 entstand etwa 1818, lehnt sich in der Form an eine Opernszene an und vereint in diesem Sinne unterschiedliche Ausdrucksmomente.

Wie seine bekannten Zeitgenossen C. Franck, Ch. M. Widor und G. Fauré war Henri Constant Gabriel PIERNÉ (1863–1937) nach seiner gründlichen musikalischen Ausbildung am Conservatoire zunächst Organist, 1890 bis 1898 übernahm er die Nachfolge von Franck. Als Dirigent der großen Pariser Orchester kam Gabriel Pierné seit 1903 auch in Kontakt zu Ballett und Theater, unter anderem leitete er die ersten Vorstellungen der berühmten Ballets Russes von Diaghilew, für den auch Debussy, R. Strauss, Strawinsky, Prokofjew und Milhaud Kompositionen verfasst haben. In Piernés Œuvre nimmt die Kammermusik einen beachtlichen Raum ein, ganz in der Tradition seiner großen Zeitgenossen gehörte die Harfe zu einem von ihm immer wieder verwendeten Instrument, das er in großartiger Manier einzusetzen weiß. Seine hier eingespielte Impromptu-Caprice As-Dur op. 9 aus dem Jahr 1887 gehört zu den herausragenden Solowerken für Harfe, das mit Virtuosität und Ausdrucksreichtum dieses Instrument besonders gut zur Geltung bringt.

Weder über die Lebensdaten noch über mögliche sonstige Kompositionen von B. HILSE lassen sich trotz der modernen Suchmöglichkeiten irgendwelche brauchbaren Informationen ausfindig machen. Als Vorname wird meist Bernhard angegeben, was wahrscheinlich nicht richtig ist, da er die „Abtretung des Urheberrechtes“ für den Verlag der Suite eindeutig mit „Bruno Hilse“ unterzeichnete. In einem anderen Verzeichnis ist er auch unter „J. Bernhard Hilse“ zu finden. Die Suite op. 6 erschien jedenfalls 1911 in Leipzig, der Widmungsträger Justus Gelfius war Flötist, erst in Stuttgart, dann im Detroit Symphony Orchestra (1922/23), zwischendurch in Chicago und später im New Orleans Symphony Orchestra (1941/42 und 1943/44). Ob er Hilse in Deutschland oder in den USA kennen lernte, ist nicht zu ermitteln. Aufgrund des Erscheinungsdatums der Noten in Leipzig ist jedoch zu vermuten, dass er Hilse in Deutschland begegnete. Das Werk ist eines der wenigen Kammermusikwerke eines deutschen Komponisten für diese Besetzung und verrät eine gute Kenntnis beider Instrumente.

Mit Marcel Lucien TOURNIER (1879–1951) begegnen wir einem dritten berühmten Harfenspieler, dessen Ausstrahlung durch seine am Conservatoire in Paris ausgebildeten Schüler bis in unsere Tage reicht; an diesem Institut unterrichtete er von 1912 bis 1948. Als Kompositionsschüler von Widor blieb er ganz der romantischen Tradition verhaftet. Seine zwei kurzen Préludes romantiques op. 17 entstanden 1909 und sind original für Violine und Harfe.

Der in Winterthur geborene Willy HESS (1906–1997) hat sich als Beethoven-Spezialist besonders hervorgetan, der von ihm erstellte Katalog der in der Gesamtausgabe fehlenden Werke des großen Wiener Komponisten und deren Herausgabe haben ihn bekannt gemacht. Sicher kann sein Stil nur als epigonal bezeichnet werden, es gelingt ihm aber besonders im Elfenreigen, dem ersten der Drei Tonstücke op. 79, entstanden 1972/73, mit der Instrumentenkombination Flöte/Harfe eine feine romantische Stimmung zu erzeugen.

 

Text: © Henner Eppel



Kostenlose Website erstellt mit Web-Gear

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der Autor dieser Homepage. Missbrauch melden